Politik & wir ! Entscheidet Social Media die Bundestagswahl? Mit Iris Sayram, ARD, Anna Moors, Social-Expertin, @gregorspolitik @derdara
Social Media im Fokus der Bundestagswahl
Die Bundesparteien nutzen unterschiedliche Social-Media-Strategien im Wahlkampf. Während die AfD dominiert, beginnen andere Parteien erst langsam, effektive Maßnahmen zu entwickeln. Meta plant Änderungen bei politischen Inhalten, und die Desinformationskampagnen durch ausländische Akteure nehmen zu. Die Plattformen haben bereits jetzt erheblichen Einfluss auf die politische Agenda.
Einleitung und Thematisierung
00:09:38Willkommen zu Politik & Wir, der ersten Sendung des Jahres 2025. Der Fokus liegt auf der Nutzung sozialer Netze durch Parteien und deren Strategien im aktuellen Wahlkampf. Aktuell wird über die Gespräche zwischen AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel und Elon Musk sowie die Einstellung des Fact-Checking-Programms von Meta diskutiert. Die Frage, ob Social Media die Bundestagswahl entscheidet, steht im Mittelpunkt, begleitet von Themen wie Desinformation und ausländische Einflussnahme.
Expertengespräch zur digitalen Wahlkampfstrategie
00:12:00Anna Mors, politische Kommunikationsberaterin, und Iris Seiram, Journalistin aus dem ARD-Hauptstadtstudio, diskutieren die digitale Wahlkampfszene. Mors arbeitet mit Politikern an einem authentischen Auftreten auf TikTok, während Seiram beobachtet, dass Parteien, die nicht traditionell medial präsent sind, ihre Botschaften ungefiltert in sozialen Netzwerken verbreiten können. Die Diskussion offenbart, dass der digitale Wahlkampf längst begonnen hat und klassische Medien ihre Rolle als Gatekeeper verloren haben.
Analyse der AfD-Dominanz auf TikTok
00:20:07Laut Analyse hat die AfD mit 61,8 Millionen Aufrufen im vergangenen Jahr deutlich die Spitzenposition auf TikTok inne, gefolgt von der SPD mit 17,2 Millionen und der CSU mit 16,4 Millionen. Professor Roland Verwiebe von der Uni Potsdam erläutert, dass die AfD 70 Prozent des politischen Contents für junge Nutzer in Ostdeutschland stellt, wobei zwei Drittel davon pro-AfD sind. Die AfD hat ihre Social-Media-Strategie über 15 Jahre perfektioniert und nutzt effektiv eine Schattenarmee aus Multiplikatoren, die Inhalte verbreiten und eigene Inhalte produzieren.
Unterschiedliche Kommunikationsstile und Emotionalisierung
00:32:15Die AfD verwendet einfache, emotionale Botschaften und direkte Ansprache, während andere Parteien komplexere Themen bearbeiten. Laut Verwiebe profitiert die AfD vom inhaltlichen Versagen der demokratischen Parteien in der Realpolitik und schafft es, durch klare Botschaften und effektive Social-Media-Nutzung zusätzliche Prozentpunkte zu gewinnen. Andere Parteien beginnen erst langsam, ähnlich effektive Strategien zu entwickeln, insbesondere bei den Grünen, die laut Seiram in Kommentarspalten deutlich präsenter geworden sind.
Sozial-Media-Einfluss auf Wahlentscheidungen
00:41:04Verwiebe betont, dass Social Media zwar den AfD-Erfolg unterstützt, aber nicht der primäre Faktor sei. Wichtiger sei das inhaltliche Versagen der demokratischen Parteien in der Realpolitik. Der Diskussion zufolge nutzen Parteien soziale Medien primär als Werbeplattformen, um Markenbekanntheit zu steigern. Jedoch kritisieren Zuschauer, dass eine übermäßige Politisierung aller Lebensbereiche zu Frust und höheren Nicht-Wahlquoten führen kann.
Newsrooms und Wahlkampfvideos im Vergleich
00:43:00Anna Mors erläutert die Funktion eines Partei-Newsrooms, der digitale Kampagnen koordiniert. Kritisch wird der Aktentaschen-Video von Olaf Scholz bewertet – Mors findet es misslungen, da es inhaltslos war. Im Vergleich dazu stehen Videos von Annalena Baerbock, Philipp Amthor und Christian Dürr, die zwar hinter die Kulissen blicken, aber politische Inhalte vernachlässigen. Insbesondere Baerbocks Video wird für Substanz gelobt, während andere als zu oberflächlich gelten.
Fehlende politische Inhalte in Parteienvideos
00:48:51Die Videos von demokratischen Parteien werden kritisiert, weil sie kaum politische Inhalte transportieren und sich anbiedernd wirken. Im Gegensatz dazu steht die AfD, die proaktiv eigene Themen setzt und klare Kommunikationsstile etabliert. Zuschauer bemängeln, dass Politik zu oft als Witz dargestellt wird und fordern eine klarere Unterscheidung zwischen Unterhaltung und politischer Substanz, insbesondere bei der Wahlentscheidung.
AfD-Sonderfälle Maximilian Krah und Targeting-Strategie
00:50:29Maximilian Krah von der AfD zeigt erfolgreiche Videos wie 'echte Männer sind rechts' und erreicht damit junge Migranten mit der Botschaft 'wir meinen dich nicht, du bist einer von uns'. Diese gezielte Ansprache spezifischer Zielgruppen zeigt die Flexibilität der AfD in ihrer Social-Media-Strategie und ihre Fähigkeit, komplexe Themen in einfache, emotionale Botschaften zu verpacken, die besonders bei jungen Wählern wirken.
AfD-Kommunikationsstrategie
00:50:54Die Diskussion konzentriert sich auf die Kommunikationsstrategie der AfD, die darauf abzielt, durch gezielte Inhalte neue Wählergruppen zu erschließen. Besonders hervorgehoben wird die Fähigkeit der Partei, sich sympathisch und greifbar zu präsentieren, was den demokratischen Parteien oft an strategischer Ausrichtung fehlt, nicht zwangsläufig an Budget.
Desinformationskampagnen im Wahlkampf
00:52:43Gastbeitrag des Vizepräsidenten des Verfassungsschutzes Sinan Selen, der ein ganzes Ökosystem der Desinformation beschreibt. Hauptsächlich beobachtet werden Themen wie Migration und innere Sicherheit, vorgetragen durch Influencer und verbreitet über Botnetze und Staatsmedien. Besonders gefährlich sind Doppelgänger-Kampagnen, die seriöse Medien imitieren.
Russische Desinformationsmethoden
00:56:24Die Desinformationsversuche aus Russland zielen darauf ab, Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben und gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen. Besonders besorgniserregend ist die erfolgreiche Verbreitung von Narrativen zur NATO und Ukraine, die auch in der deutschen Bevölkerung auf Resonanz stoßen.
Elon Musks Rolle bei Desinformation
01:02:22Das Gespräch zwischen Alice Weidel und Elon Musk wird kontrovers diskutiert, da Plattformbetreiber wie große Macht auf die Meinungsbildung haben. Die Kanalisierung von Nutzern auf bestimmte Meinungen stellt eine Gefahr für die Demokratie dar. Es wird eine stärkere Regulierung und Förderung von Meinungsvielfalt gefordert.
Wahleingriffe und Cyberangriffe
01:09:20Für die Bundestagswahl werden verstärkte Desinformationskampagnen erwartet, die sich vor allem um die Themen Migration, Westliche Systeme und Abstieg Deutschlands drehen. Mögliche Eingriffe umfassen Cyber-Operationen, Störung von Wahlprozessen und Verbreitung von Falschinformationen über Kandidaten.
Social Media als Wählerbeeinflussung
01:16:38Gregor Gregors Politik betont den Einfluss von Social Media auf politische Themen, besonders bei jüngeren Generationen. Jedoch unterscheiden sich die Nutzungsgruppen stark zwischen Plattformen. Wichtig ist der Hinweis, dass Likes und Views nicht automatisch Wahlergebnisse bedeuten.
Themenbeeinflussung durch soziale Medien
01:23:31Soziale Medien bestimmen maßgeblich, welche Themen im Wahlkampf eine größere Rolle spielen. Parteien wie die FDP passen ihre Positionen an, was in den sozialen Medien stark diskutiert wird. Dies zeigt, wie der Diskursraum in den sozialen Medien die politische Agenda beeinflusst.
Politische Kommunikation auf Social Media
01:26:38Vergleich von Inhalten der Linken unter Bündnis Sahra Wagenknecht und Die Linke zeigt unterschiedliche Herangehensweisen in der politischen Kommunikation. Einmal direkte Ansprache, einmal eher jugendorientierter Content. Entscheidend ist, wie gut die Inhalte die Zielgruppen ansprechen und ob sie authentisch wirken.
Soziale Medien in der Politik
01:33:36In der SPD-Bundestagsfraktion ist ein deutlicher Anstieg an Präsenz in sozialen Medien zu verzeichnen. Oft handelt es dabei um eine intrinsische Motivation von Politikerinnen und Politikern, die sich durch mediale Aufmerksamkeit und das Bestreben, Wahlkreise zu verteidigen, erklären lässt. Allerdings fehlt es häufig an professioneller Beratung, wobei es auch positive Beispiele wie Heidi Reichenegg gibt, die professionell betreut wird. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit professioneller Unterstützung in der digitalen Kommunikation.
Digitale Wahlkampfausrichtung
01:34:05Die politische Präsenz in sozialen Medien ist oft durch Unsicherheit geprägt, wie man sich dort richtig präsentieren soll. Während einige Politiker wie Heidi Reichenegg professionell betreut werden, fehlt es bei anderen an fachlicher Begleitung. Gleichzeitig zeigt sich ein Problem der Altersstruktur bei der Wahlbeteiligung, da nur etwa 13 Prozent der Wähler unter 30 Jahre alt sind. Parteien richten ihren Fokus daher eher auf die über 50-jährigen Wählergruppe, die über die Hälfte der Wähler ausmacht.
Turbo-Wahlkampf und junge Wähler
01:34:43Im aktuellen Turbo-Wahlkampf ist eine besondere Beunruhigung in der jungen Bevölkerung zu spüren. Bei der Wahl insgesamt 59 Millionen Menschen, sind nur etwa 13 Prozent unter 30 Jahre alt. Der demografische Wandel führt dazu, dass Parteien ihren Fokus weniger auf junge Menschen legen. Für die unter 30-Jährigen wäre ein entspannterer Wahlkampf wünschenswert, der mehr Zeit für Themen rund um junge Menschen lässt. Gleichzeitig werden politische Inhalte in klassischen Medien wie Markus Lanz ebenfalls millionenfach gesehen.
Themen und Positionen der Parteien
01:36:23Die Parteien haben ihre Positionen seit Monaten bekannt, was einen überraschenden Wahlkampf unmöglich macht. Die SPD hat mit dem Thema Krieg und Frieden besondere Schwierigkeiten, da sich das BSW in diese Thematik eingemischt hat. Die AfD nutzt bewusst provokante Themen wie Abschiebungen, um特定 Wählergruppen anzusprechen. Die Frage, wie über die Berichterstattung extremistischen Positionen gegenüber verfahren werden soll, bleibt umstritten, da einerseits informativer Bedarf besteht, andererseits auch die Gefahr besteht, diesen Positionen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Meta und die Faktenchecks
01:39:56Bei Meta werden Faktenchecks abgeschafft, was als Stärkung der Meinungsfreiheit deklariert wird. Gleichzeitig wird intern das gesamte Diversitätsprogramm über Bord geworfen, was als trumpistischer Wind interpretiert wird. Für Europa besteht bisher noch keine Kündigung von Kooperationen mit Korrektiv, DPA oder AFP. Der Digital Services Act könnte jedoch hohe Strafen für Meta nach sich ziehen, was eine Anpassung der Plattform an das X-System verhindern könnte. Die geplanten Änderungen bei Meta sorgen für große Sorgen im journalistischen und politischen Umfeld.
Soziale Medien und die Zukunft der Inhalte
01:42:20Bei Meta plant man, politische Inhalte auf Instagram und anderen Plattformen stärker zu gewichten, was einem Jahr zuvor diametral entgegensteht. Die Nutzer können entscheiden, wie viel Politik sie sehen wollen - mit den Optionen 'less', 'standard' oder 'more'. Der Erfolg von politischen Inhalten hängt stark von den Einstellungen der Nutzer ab. Gleichzeitig wird beobachtet, dass politische Inhalte klassischer Medien wie Markus Lanz immense Reichweiten erzielen, was die Bedeutung verschiedener Medienformate unterstreicht.
Content-Erstellung für Politiker
01:51:59Die Content-Erstellung für Politiker ist ein hochkomplexer Prozess, der stark von der individuellen Persönlichkeit und Affinität zur digitalen Kommunikation abhängt. Ein guter Workflow beginnt damit, dass sich Politiker klar werden, wie sie sich darstellen möchten. Die Bandbreite reicht von Singen bis zu direkten Ansprachen. Allerdings mangelt es vielen Politikern an klarer Vorstellung, was sie erreichen möchten. Für einen Contentberater ist es wichtig, als 'Safe Space' zu fungieren, in dem offen über die strategische Ausrichtung gesprochen werden kann.
Verantwortung im Social-Media-Wahlkampf
02:02:25Im Social-Media-Wahlkampf stellen sich zentrale Fragen zur Verantwortung von Kommunikationsberatern. Einerseits werden Inhalte für maximale Reichweiten optimiert, andererseits besteht die Gefahr, dass Inhalte extrem zugeschnitten werden, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Besonders problematisch ist, dass rechtsextremistische Inhalte auf Platforms wie YouTube besonders hohe Klickzahlen generieren und profitable sein können. Gleichzeitig gibt es Beispiele, wie konfliktreiche Inhalte mit Fakten verpackt werden können, wie es bei Heidi Recheninger der Fall ist, was zeigt, dass sowohl emotional ansprechende als auch inhaltlich fundierte Inhalte erfolgreich sein können.
Digital Services Act und seine Auswirkungen
02:06:33Der Digital Services Act (DSA) soll für große Plattformen Sorgfaltspflichten einführen und einen Ansprechpartner bei Rechtsverletzungen schaffen. Allerdings wird dies als unzureichend angesehen, da keine echte Kontrolle über die Macht von Plattformbetreibern wie Zuckerberg besteht. Der DSA kann nicht verhindern, dass Einzelpersonen oder Gruppen zu große Meinungsmacht ausüben. Gleichzeitig laufen bereits Verfahren gegen Plattformen wie X, möglicherweise wegen ungleicher Behandlung von Inhalten. Die Regelungen im DSA stehen im Kontrast zu den strengen Verpflichtungen von Presse- und Rundfunkanstalten, was als Ungleichgewicht gesehen wird.
Social Media als Wahlfaktor
02:10:27Die Frage, ob Social Media die Bundestagswahl entscheidet, muss differenziert betrachtet werden. Einerseits beeinflusst Social Media stark die öffentliche Meinungsbildung, andererseits ist es nicht der einzige Einflussfaktor. Die Realität wird durch soziale Medien nur teilweise abgebildet, und analoge Medienangebote bleiben weiterhin wichtig. Besonders im Winterwahlkampf, der durch kurze Zeit und begrenzte Möglichkeiten des direkten Kontakts geprägt ist, wird die Bedeutung sozialer Medien größer. Gleichzeitig besteht die Gefahr der Verzerrung durch Anonymität und gezielte Desinformation, was kritische Quellenkritik der Nutzer erfordert.