In einem Gespräch wurde das Leben und die Karriere des Curvy Models Céline Denefleh beleuchtet. Thematisiert wurde ihre Erfahrung mit Bodyshaming sowie ihre persönliche Definition von Selbstliebe. Denefleh schilderte ihre prägenden Erlebnisse und den gesellschaftlichen Umgang mit Körperbildern. Die Runde diskutierte auch die Verantwortung der Modelbranche.

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Begrüßung und Vorstellung der Runde

00:06:51

Der Stream beginnt mit einem halbstündigen Stand der Staffel 4 von 'Der Gangster, der Junkie und die Herrin'. Die Moderatorin Nina Workhardt stellt die Stammrunde vor: Maximilian Paulux, ehemaliger jugendlicher Intensivstraftäter, der heute in der Jugendarbeit tätig ist, und Roman Lemke, 21 Jahre lang drogenabhängig, der heute Präventionsarbeit leistet. Workhardt führt auch Céline Denefleh als Gastin ein, die für ihr Engagement in den Bereichen Body-Positivity und als Curvy Model bekannt ist. Die Runde begrüßt Denefleh herzlich und bittet sie, sich und ihre bisherige Karriere vorzustellen.

Werdegang von Céline Denefleh: Von DSDS bis Curvy Supermodel

00:11:34

Céline Denefleh berichtet, dass sie aus Mannheim stammt und eine große Leidenschaft für Musik hat. Sie schildert ihre Teilnahme an 'Deutschland sucht den Superstar' im Jahr 2010 im Alter von 16 Jahren. Damals, so Denefleh, habe sie nicht mit derartiger öffentlichen Konfrontation gerechnet, und nach der Show sei sie in ein tiefes Loch gefallen, da sie den Zusammenhalt der anderen Teilnehmerinnen vermissen musste. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Industriekaufrau, um ein solides Fundament für ihren Lebensweg zu schaffen. Ihr Wendepunkt kam, als sie die erste Staffel von 'Curvy Supermodel' entdeckte, eine Castingshow für größere Modelle, die sie prompt gewann und zu ihrer Karriere als Curvy Model verhalf.

Definition von 'Curvy' und Body Positivity

00:30:45

Die Diskussion konzentriert sich auf die Definition des Begriffs 'Curvy'. Céline Denefleh erklärt, dass es keine einheitliche, internationale Definition gebe, sondern dass es stark von der Kultur abhänge. In Deutschland gelte Größe 44/46 als Mustergröße für Plus-Size-Modelle. Sie hebt den gesellschaftlichen Wandel hervor, der seit 2016 die Vielfalt in der Modebranche fördert. Body Positivity geht laut Denefleh nicht um bedingungslose Körperliebe, sondern um Akzeptanz und darum, den eigenen Körper wertzuschätzen und sich nicht nur durch das Äußere zu definieren. Sie betont, dass es wichtig sei, dass Menschen sich in den Medien und auf Covers wiederfinden können, um Mut zu schöpfen.

Körperbild, Vorurteile und die Wirkung auf junge Menschen

00:37:11

Céline Denefleh spricht über ihre eigenen Kämpfe mit dem Körperbild als Teenager, obwohl sie nach damaligen Standards sehr dünn war. Sie beschreibt, wie sehr sie sich damals unzufühlen und unsicher gefühlt hat, und wie der Blick auf den eigenen Körper subjektiv ist. Denefleh beobachtet, dass durch soziale Medien und die Möglichkeit der Selbst-Retuschierung der Druck auf junge Menschen noch gestiegen ist. Sie kontrastiert dies mit den Erinnerungen an eine Zeit, in der bereits eine Konfektionsgröße 40 als 'dick' in den Medien stigmatisiert wurde. Sie schließt mit der wichtigen Aussage, dass ein stabiles Selbstwertgefühl und der Charakter einer Person viel zu wenig im Alltag gelobt und gewürdigt werden.

Der Durchbruch als Curvy Model und die Reaktion der Agentur

00:42:21

Nach ihrem Sieg bei 'Curvy Supermodel' im Alter von 23 Jahren erhielt Céline Denefleh ihren ersten Modelvertrag. Die Nachfrage war so enorm, dass sie innerhalb kurzer Zeit ausgebucht war. In einer spontanen Entscheidung, die sie als 'Trepper ins Leben' bezeichnet, kündigte Denefleh ihre sichere Anstellung als Industriekaufrau, um sich vollständig ihrer Karriere als Model zu widmen. Ihr Agenturchef unterstützte ihren Mut mit einem Aufhebungsvertrag und segnete ihren Weg. Sie erzählt von den Juroren der Show, darunter die erfolgreichen Plus-Size-Models Angelina Kirsch und Mozzi Mabuse, und vom ersten Auftritt vor der Jury im Bikini, den sie selbst bestimmt hatte.

Oberflächlichkeit des Modelbusiness und Grenzen setzen

00:46:22

Das Modelgeschäft wird als oberflächlich beschrieben, bei dem es primär um das Aussehen und das Passen in Mustergrößen geht. Céline Denefleh berichtet, dass sie sich in der Vergangenheit über ihre Grenzen hinwegbewegt hat, um andere zufriedenzustellen, was sie am Ende ausgelaugt hat. Der Wendepunkt war ihr 30. Geburtstag, der ihr den Aha-Moment brachte, dass sie an erster Stelle stehen muss, um gesund zu bleiben und auch für andere da sein zu können.

Bodyshaming durch Frauen und Umgang mit Hasskommentaren

00:51:10

Céline Denefleh stellt fest, dass die schärferen Bodyshaming-Kommentare oft von Frauen kommen, was sie auf Konkurrenz zurückführt. Sie selbst reagiert auf Hasskommentare mit Mitgefühl und Liebe, da sie der Meinung ist, dass solch negative Kommentare auf eigenem Schmerz und Unzufriedenheit basieren. Ihr Ziel ist es, Frauen zu unterstützen, da sie darin eine gemeinsame Stärke sieht.

Selbstliebe durch den Modelaufbau und Unterschiede in Castingshows

00:53:00

Der Job als Model hat Céline Denefleh geholfen, Selbstliebe und -sicherheit aufzubauen, da sie durch die wiederholte Buchung und positive Rückmeldungen von Kunden Bestätigung bekam. Sie vergleicht die respektvolle Atmosphäre bei Curvy Supermodel, wo die Bedürfnisse der Teilnehmer im Vordergrund stehen, mit dem härteren, manipulativen Ton bei anderen Castingshows wie DSDS, wo sie selbst als Jugendliche emotional instrumentalisiert wurde.

Herzprobleme in der Jugend und ihr Einfluss

00:59:12

Céline Denefleh erzählt von einer lebensbedrohlichen Herzmuskelentzündung im Alter von 13 Jahren, die sie einen implantierten Defibrillator kostete. Diese traumatische Erfahrung prägte sie stark. Sie berichtet von den fehlenden medizinischen Kenntnissen in der Öffentlichkeit und wie die Boulevardpresse ihre Krankheit als Aufhänger nutzte, was sie sich aber nicht hatte vorstellen können, da ihr Fokus auf dem Wohlbefinden ihrer Familie lag.

Vorurteile im Modelbusiness: Diversität als Marketinginstrument

01:14:47

Céline Denefleh spricht über das Vorurteil, dass mehrgewichtige Models aus reinen Wokeness-Gründen gebucht werden. Sie bestätigt, dass es tatsächlich Kunden gibt, die Diversität nur zur Quote erfüllen und instrumentalisiert sehen. Sie kritisiert diese Praxis scharf und unterscheidet sie von Marken, die Vielfalt ernsthaft und glaubwürdig leben und umsetzen.

Gesundheit vs. ästhetische Normen und Verantwortung

01:18:53

Es wird die komplexe Diskussion um Körperbilder und Gesundheit geführt. Céline Denefleh betont, dass nicht jeder mehrgewichtige Mensch automatisch ungesund ist und verurteilt pauschale Vorurteile. Gleichzeitig sieht sie eine gesellschaftliche Verantwortung, gesunde Lebensweisen zu fördern, ohne dabei Körperbilder zu stigmatisieren oder Einzelpersonen zu bewerten. Sie trennt strikt zwischen persönlicher Ästhetik und Gesundheit.

Fatshaming vs. Skinny-Shaming

01:25:15

Im Stream wird die unterschiedliche Wahrnehmung von Fatshaming und Skinny-Shaming in der Gesellschaft thematisiert. Céline Denefleh stellt fest, dass Fatshaming weitaus größer und gesellschaftlich anerannter sei als Skinny-Shaming. Zwar wird anerkannt, dass auch dünne Körper gefährlich sein können, wie im Fall der Anorexie, doch werden mehrgewichtige Menschen oft mit negativen Assoziationen versehen. Dies zeigt sich auch in einem paradoxen Verhalten: ein Kompliment über Gewichtsverlust wird als positiv empfunden, wohingegen ein Kompliment über Gewichtszunahme so gut wie nie vorkommt.

Kulturelle Schönheitsideale und ihre Auswirkungen

01:26:29

Das Gespräch beleuchtet, wie stark kulturelle und regionale Schönheitsideale die Modelbranche und damit auch die Gesellschaft prägen. Während in Deutschland die sogenannte Sanduhr-Figur bevorzugt wird, ist dies in London beispielsweise irrelevant. Céline Denefleh führt aus, dass selbst im Plus-Size-Bereich oft dieselben Proportionen gefordert werden. Zudem wird die immense Macht von Persönlichkeiten wie den Kardashians angesprochen, deren Einfluss die Schönheitsnormen massiv mitbestimmt. Diese kulturelle Beeinflussung wirkt sich auch auf Kinder und Jugendliche aus und zeigt die Verletzlichkeit, die durch soziale Medien entsteht.

Einsteigalter und Gefahren in der Modelbranche

01:28:33

Céline Denefleh spricht offen über die Risiken und die Belastungen, die mit einem frühen Einsteig in die Modelbranche verbunden sind. Sie betont, dass ein Einstieg mit 14 oder 15 Jahren, wie es oft üblich ist, ohne den nötigen seelischen Support und Selbstdisziplin sehr gefährlich sein kann. Die Branche könne auf Grund ihres Ausgeliefertseins vor Beurteilung nur nach dem Aussehen und des hohen Stresses zermürbend wirken. Daher befürwortet sie zwar einen allmählichen Einstieg für sehr selbstbewusste junge Frauen, der aber niemals die schulische Laufbahn vernachlässigen darf.

Umgang mit Hatespeech und der Wert der Community

01:31:25

Die Moderation diskutiert die Frage, ob die jüngere Generation aufgrund der Normalisierung von Hatespeech zäher damit umgeht. Céline Denefleh berichtet von ihrer eigenen Erfahrung: während sie früher noch persönlich auf negative Kommentare reagierte, sei sie mit der Zeit abgehärtet. Sie betont, dass die negativen Kommentare ein dauerhares Phänomen bleiben, und die persönliche Aufgabe darin bestehe, Betroffene zu stärken. Sie selbst schätzt ihre Community sehr, da sie sich in einer positiv besetzten Bubble bewegt, und zieht durch ihre Energie positiv gesinnte Menschen an.

Substanzmissbrauch und Essstörungen in der Branche

01:38:42

Ein dunkles Kapitel der Modelbranche wird angesprochen: der Missbrauch von Substanzen zur Gewichtskontrolle. Céline Denefleh berichtet von schockierenden Geschichten über Models, die gefallen wollen und dafür über ihre eigene Gesundheit gehen. Dazu zählten nicht nur Zigaretten, sondern auch Amphetamine oder Mittel, die Erbrechen hervorrufen. Als besonders problematisch beschreibt sie die Vorbereitung auf Modeschauen, bei denen Models tagelang fasten. Sie beobachtet zudem besorgt eine Trendwende in der New Yorker Fashion Week, wo erneut die Dominanz sehr dünner Modeler statt einer vorherigen Vielfalt zu erkennen ist.

Zurückweisung des Vorwurfs des 'ungesunden Ideals'

01:47:40

Auf die Vorurteilsfrage, ob sie ein ungesundes Schönheitsideal propagiere, reagiert Céline Denefleh entschieden. Sie empfindet es als übergriffig, ihr ohne Kenntnis ihrer Fakten ein solches Urteil zu sprechen. Für sie ist entscheidend, dass man sich gesund und wohl in seinem Körper fühlt. Solange dies der Fall ist, könne niemand die Einstufung als 'ungesund' vornehmen. Sie betont, dass ihr Körper gesund sei und sie sich nicht nur am optischen Erscheinens messen würde, sondern ihren Körper für seine Funktionalität liebe und wertschätze.

Schlüssigkeit von Selbstliebe abseits des Körperbildes

01:51:39

Eine weitere Vorurteilsfrage leitet eine tiefgründigere Auseinandersetzung mit dem Thema Selbstliebe ein. Die These, dass man sich nicht selbst lieben könne, wenn man übergewichtig sei, wird von Céline Denefleh als falsch und schädlich entkräftet. Sie erklärt, dass Selbstliebe weit mehr umfasse als das reine Optische und viele Aspekte wie das Ziehen von Grenzen ('no more People Pleaser') oder die eigene Selbstfürsorge beinhalte. Sie beschreibt Selbstliebe als eine Herausforderung und einen tiefgreifenden Prozess der persönlichen Entwicklung, der weit über tägliche Affirmationen hinausgehe.

Kritik an der männergeprägten Industrie und finale Worte

02:04:27

In der letzten, provokanten Abschlussfrage wird hinterfragt, ob es mehr glückliche, sich selbstliebende Frauen gäbe, wenn es die männlich geprägte Industrie nicht gäbe. Céline Denefleh stimmt zu, dass ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis vielleicht zu gesünderen Schönheitsidealen führen könnte, betont aber, dass die Industrie nicht nur von Männern dominiert wird. Sie fasst mit einem Appell an ein menschlicheres Miteinander zusammen, das es beendet, Menschen in Schubladen zu stecken und sich stattdessen auf die dahinterstehenden Individuen zu fokussieren. Dies war ihr Schlusswort in einer als außerordentlich positiv wahrgenommenen Sendung.