Auf dem Schiff Humanity wird ein umfassender Einblick in die Seenotrettung gegeben. Die Besichtigung umfasst Crewbereiche, die Vorratskammern und die Brücke als Koordinationszentrum. Die Versorgung der Geretteten beginnt bereits an der Anlegestelle. Die politische Lage erfordert oft lange Fahrten zu weit entfernten Häfen. Die medizinische Versorgung umfasst Grundversorgung sowie spezialisierte Unterstützung durch ein Team aus Ärzten und Psychologen.
Ankunft und Einleitung der Schiffstour
00:01:40Die Reise beginnt mit einer technischen Einrichtung des Streamings. Nachdem die Kamera und das Mikro getestet wurden, wird das Schiff, die Humanity, vorgestellt. Der Streamer, der sich sehr auf die Tour freut, betont die historische Bedeutung des Moments. Er ist begleitet von zwei Crewmitgliedern, Anne und Johanna, die den Ablauf koordinieren. Zuerst wird der Aufenthaltsbereich der Crew, die Messe, gezeigt, in der gemeinschaftlich gegessen und für Rettungsoperationen trainiert wird. Die Crewgröße beträgt normalerweise 29 Personen, ist aber derzeit im Vorbereitungsmodus auf etwa 14 geschrumpft.
Unteres Deck und Einblicke in die Logistik
00:12:04Der Gang führt zum unteren Deck, dem Twin Deck, wo die Kabinen der Crewmitglieder gezeigt werden. Abgesehen von Offizieren und Maschinenpersonal teilen sich die meisten Crewmitglieder Zweierkabinen. Anschließend wird die Vorratskammer für die Geretteten besichtigt. Hier bevorratet man große Mengen an Nahrungsmitteln wie Reis, Linsen und Bohnen, um teilweise hunderte von Menschen zu versorgen. Besonderes Augenmerk wird auf zwei sehr große, begehbare Kühlschränke gelegt, die eine wesentliche Rolle in der Logistik für die warmen Mahlzeiten spielen, die für Crew und Gerettete identisch sind.
Die Brücke und das Rettungssystem im Fokus
00:22:33Die Tour geht zur Brücke, dem zentralen Kontroll- und Kommunikationszentrum des Schiffes. Hier arbeiten Kapitänin, Offizierinnen und Koordinatorinnen für Such- und Rettungseinsätze (SAAR). Von der Brücke aus werden Einsätze koordiniert und Funksprüche empfangen. Die Crew zeigt die beiden Einsatzboote, RIPS genannt, und erklärt deren Besatzung und Ausrüstung. Der Ablauf einer Rettung wird detailliert beschrieben: von der Alarmierung, über die Einschätzung der Lage, bis hin zur Verteilung von Rettungswesten und dem Transport der Geretteten in die Donkey-Rafts, um Stabilität zu gewährleisten.
Ankunft der Geretteten und erste Versorgung
00:42:26Die Embarkation Area, also die Anlegestelle für die Rettungsboote, wird als Ort der ersten Ankunft vorgestellt. Hier werden die Geretteten von Personen, die als 'Puller' bezeichnet werden, an Bord gezogen. Es folgt ein Begrüßungsprozess und eine erste Registrierung, um Daten wie Herkunft, Alter und Schutzbedarf zu erfassen. Jede Person erhält ein Rescue-Kit, das trockene Kleidung, Nahrung, Zahnbürste und Decken enthält, um die grundlegenden Bedürfnisse zu decken. Besonderer Wert wird auf den separaten Schutzraum für Frauen und Kinder sowie den Kindergarten gelegt, der eine sichere Umgebung für Familien bietet.
Politische Hürden und verlängerter Schiffsaufenthalt
00:59:07Die politische Lage hat die Seenotrettung im Mittelmeer grundlegend verändert. Durch das Piantedosi-Gesetz in Italien muss ein Schiff nach einer Rettung sofort in den zugewiesenen sicheren Hafen fahren. Dieser Hafen liegt oft weit abseits, in Norditalien, was Fahrten von vier bis fünf Tagen nötig macht. Zuvor konnten Schiffe nach Sizilien fahren und es gab keine sogenannten Stand-Offs, bei denen Schiffe wochenlang auf eine Hafenzuweisung warten mussten. Diese Entwicklung zwingt die Organisationen, die Zeit auf See zur Versorgung der Geretteten zu nutzen.
Medizinische Versorgung an Bord
01:02:22Die Klinik an Bord ist für die medizinische Grundversorgung der Geretteten eingerichtet. Sie ist mit Stretchern und grundlegendster Ausstattung ausgestattet, die es jedoch nicht mit einer Landklinik vergleichen lässt. Dennoch ist diese Erstversorgung oft das erste Mal seit Jahren für die Menschen an Bord. Neben physischen Verletzungen, die häufig durch die Kombination von Benzin und Salzwasser entstehen, werden auch psychologische Nöte behandelt. Eine Psychologin ist ständiges Teil des Care-Teams und bietet Gespräche an.
Spezialisierte medizinische Versorgung und Notfallpläne
01:04:12Das medizinische Team auf dem Schiff ist hochspezialisiert und besteht aus Ärzten, Sanitätern, Hebammen, Psychologen und kulturellen Vermittlern. Das Equipment umfasst auch ein Ultraschallgerät, was für Frauen oft die erste Möglichkeit ist, ihre Schwangerschaft zu bestätigen. Ein detaillierter medizinischer Notfallplan existiert für Situationen, in denen das Team allein die Versorgung nicht mehr gewährleisten kann. In einem kritischen Fall, bei dem stark unterkühlte Personen an Bord gebracht wurden, konnten alle durch den Einsatz der gesamten Crew stabilisiert werden.
Kooperationen und Handhabung bei Todesfällen
01:15:36Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Seenotrettungsorganisationen ist eng und abgestimmt, besonders bei rechtlichen Angelegenheiten. Bezüglich des Themas Todesfälle an Bord wurde erklärt, dass man grundsätzlich in der Lage ist, Verstorbene an Bord zu nehmen und den Übergang an Land zu organisieren. Dies ist jedoch situations- und kapazitätsabhängig. Wenn es erforderlich wird, werden Fotos gemacht und gesucht, ob Dokumente vorhanden sind, um die Identität festzustellen und Angehörige zu informieren.
Der Kontakt zu den Geretteten und die WeAreOK-Plattform
01:21:49Der Kontakt zu den Geretteten nach einer Mission ist ein sensibles Thema. Während Crewmitglieder unterschiedlich damit umgehen, wird darauf hingewiesen, dass Machtverhältnisse im Raum stehen. Als Alternative zu direkten persönlichen Kontakten wird SOS Humanity als Anlaufstelle vermittelt. Um Geretteten die Möglichkeit zu geben, sich bei Angehörigen zu melden, wird eine Plattform namens WeAreOK genutzt. Das Care-Team sammelt dort Kontaktdaten und versendet automatisch eine SMS, um die Familie in Sicherheit zu wissen.
Umgang mit den zurückgelassenen Booten
01:26:16Die zurückgelassenen Boote, nachdem die Menschen gerettet wurden, werden markiert. Das Schiff und das Datum werden auf das Boot geschrieben, um zu dokumentieren, dass eine Rettung stattgefunden hat. Dies geschieht, damit andere Schiffe oder Flugzeuge, die das leere Boot vorfinden, den Kontext verstehen und nicht fälschlicherweise eine neue Rettungseinsatzalarm auslösen. Es dient der Transparenz und der Vermeidung unnötiger Einsätze.
Fokus auf die Betroffenen und ein Appell
01:27:29Die Crew betonte, dass der Fokus bei ihrer Arbeit auf den Menschen auf der Flucht liegen sollte und nicht auf der Organisation oder den Crewmitgliedern. Es wird darauf hingewiesen, dass die Geretteten oft fälschlicherweise in eine Opferrolle gedrängt werden, obwohl sie durch ihre Erfahrungen und Resilienz stark sind. Die Arbeit sei kontinuierlich und werde durch Kriminalisierung erschwert, was nicht vergessen werden dürfe. Die menschliche Dimension der Not der Geflüchteten steht im Zentrum.
Spendenaufruf und Pläne für die Zukunft
01:33:27Der Stream diente auch als Spendenaufruf für SOS Humanity. Es wurde erwähnt, dass die Organisation massiv von Spenden abhängig ist und sehr empfindlich gegen Kriminalisierungsversäre reagiert. Während des Streams kamen bereits fast 9.000 Euro zusammen. Es wurde angekündigt, dass ab 10.000 Euro alle weiteren Spenden bis zu einem bestimmten Betrag gedoppelt werden. Zusätzlich wurde ein Praktikum für die Kommunikationsstelle ab Juli beworben und die Ankunft eines neuen Formats im September verraten, das die Sicht von Betroffenen zeigen wird.