Angst vor Krieg: Fühlt ihr euch sicher? ! Politik & wir mit Siemtje Möller, SPD und Martin Schirdewan, Linke
Angst vor Krieg: Fühlen Sie sich noch sicher?
Eine internationale Krise, ein verändertes Bedrohungsbild und steigende Sorge in der Bevölkerung: Experten und Gäste beleuchten die Entwicklungen. Es geht um militärische Abschreckung, zivilen Schutz und die psychische Belastung durch multiple Krisen. Wie kann Deutschland resilienter werden?
Einstieg in das Thema Sicherheitsgefühl
00:10:32Der Stream beginnt mit der Feststellung, dass die internationale Ordnung, die auf Rechten und Regeln basierte, nicht mehr existiert. Dies wurde auf der Münchner Sicherheitskonferenz thematisiert. In den nächsten zwei Stunden soll diskutiert werden, wie sich die aktuelle Lage darstellt, wie man sich auf Krisen und Konflikte vorbereiten kann und wie man mit der Angst davor umgeht. Die Gäste, Siemtje Möller (SPD) und Martin Schirdewan (Linke), vorgestellt, sowie der TikToker Levi Pennell als weiterer Gesprächspartner begrüßt. Es wurde eine Umfrage im Chat durchgeführt, bei der viele Zuschauer unbesorgt angaben.
Eindrücke von der Münchner Sicherheitskonferenz und europäische Perspektive
00:12:08Siemtje Möller berichtet von ihrer Teilnahme an der Sicherheitskonferenz und beschreibt die Stimmung als hektisch und aufregend. Eine anfängliche Erleichterung nach der Rede des US-Außenminsers wich der Sorge, dass sich die USA von Europa entfernen. Martin Schirdewan bestätigt den Epochenbruch in der internationalen Politik und weist auf unterschiedliche Wahrnehmungen innerhalb der EU hin, insbesondere im Baltikum im Vergleich zu Südeuropa. Er kritisiert die Drohung des US-Außenmin Rubio, Europa vor die Wahl zu stellen, entweder den Kurs der USA zu folgen oder alleingelassen zu werden.
Angst von Jugendlichen und Debatte um Wehrpflicht
00:16:48Die Diskussion konzentriert sich auf die Angst, die besonders junge Menschen vor einem Krieg haben. Martin Schirdewan berichtet von Gesprächen mit Lehrerinnen, bei denen Schülerinnen über Kriegsangst weinten. Siemtje Möller erklärt, dass sich die Haltung junger Menschen zur Sicherheit und zum Wehrdienst gewandelt habe. Sie begrüßt das neue Wehrdienstgesetz und die Beschaffung von Verteidigungssystemen. Schirdewan kritisiert diese Maßnahme und verweist auf Berufsarmeen in anderen EU-Staaten, die ohne Wehrpflicht funktionieren. Er sieht das Problem in der mangelhaften Organisation der Bundeswehr, nicht in fehlenden Mitteln.
Zivilschutz und Vorbereitung auf Krisen
00:24:17Der TikToker Levi Pennell stellt die Frage nach der persönlichen Vorbereitung auf eine Krise. Er bemängelt die fehlende Bunker-Infrastruktur und fragt nach Informationsquellen und Handlungswegen bei einem Angriff. Siemtje Möller betont, dass militärische Sicherheit allein nicht ausreiche, sondern eine zivile Resilienz aufgebaut werden müsse. Sie verweist auf skandinavische Länder, wo regelmäßige Katastrophenschutzübungen stattfinden. Die Debatte über den zivilen Schutz solle geführt werden, damit alle wüssten, was im Ernstfall zu tun sei.
NATO-Beistandsfall und europäische Verteidigung
00:26:42Levi Pennell stellt die konkrete Frage, ob Deutschland im Falle eines Angriffs auf die baltischen Staaten, wie die Suwalki-Lücke, den NATO-Bündnisfall (Artikel 5) aktivieren würde. Siemtje Möller gibt an, dass die militärische Überlegenheit der NATO Russland aktuell von einem Angriff abhalte. Sollte es dennoch zu einem Angriff kommen, würde Deutschland sich im NATO-Rat für den Beistand aussprechen. Martin Schirdewan zweifelt jedoch an der Verlässlichkeit der USA unter einer Trump-Administration und fordert eine eigenständige europäische Verteidigungsfähigkeit, auch wenn dies nicht zwangsläufig militärisch sein müsse.
Finanzierung der Bundeswehr und Prioritäten
00:36:07Die Debatte verschiebt sich auf die Finanzierung der Bundeswehr und die Prioritäten der Politik. Während Siemtje Möller die Notwendigkeit von Investitionen für eine verteidigungsfähige Armee betont, verweist Martin Schirdewan auf die hohen Ausgaben (über 150 Mrd. Euro bis 2029) und kritisiert, dass dieses Geld sinnvoller in Bereiche wie Pflege oder sozialen Wohnungsbau investiert werden könne. Er betont, dass das Problem der Bundeswehr nicht das Geld, sondern das Management sei. Die Diskussion offenbart eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit über die Ausrichtung und Finanzierung der Sicherheitspolitik in Deutschland.
Militärische Lage in der Ukraine und Verhandlungsperspektiven
00:47:09Als weiterer Gast kommt der Militärexperte Thomas Wiegold ins Studio. Er beschreibt die militärische Lage in der Ukraine als stagnierend, mit Verhandlungen, die sich in eine Richtung entwickeln, die für die Ukraine ungünstig ist. Er sieht das Problem darin, dass Russland zivile Infrastruktur angreift und die Moral der Ukraine erschüttert. Martin Schirdewan betont, dass Friedensverhandlungen von der Ukraine als angegriffenem Land mitbestimmt werden müssen, lehnt jedoch eine Vorwegnahme eines möglichen Verhandlungsergebnisses ab. Der Blick auf die Lagekarte zeigt die unmittelbare Nähe des Konflikts zu Europa.
Diplomatische Initiativen und europäische Schwäche
00:49:56Es wird kritisiert, dass keine internationale, koordinierte diplomatische Initiative existierte, die Länder wie China und Indien einbezogen hätte. Die Europäische Union wird für ihr Fehlen eigener Initiativen in der Ukraine- und Gaza-Krise verantwortlich gemacht. Dadurch wird Europa nur noch informiert und nicht konsultiert, was als hausgemachte Schwäche der europäischen Politik angesehen wird, die dringend gestärkt werden müsste.
Unzureichende Druckausübung und verpasste Chancen
00:50:23Es gibt die Auffassung, dass Druck auf beide Kriegsparteien auszuüben, falsch ist, da die Ukraine bereits viele Zugeständnisse gemacht hat. Zwar gab es einzelne diplomatische Versuche von Seiten Brasiliens, dem Papst oder auch von Emmanuel Macron, aber keine kohärente europäische Strategie. Auch direkte Ansprache Putins scheiterte oft, wie im Fall von Olaf Scholz. Der entscheidende Fehler sei gewesen, nicht frühzeitig europäische Politik zu aktivieren.
Europäische Bemühungen und Kritik an der Haltung
00:52:09Es wird entkräftet, dass die EU nichts tue, indem auf Initiativen von Frankreich und Scholz hingewiesen wird, die direkt mit China sprachen, um Druck auf Russland auszuüben. Gleichzeitig wird kritisch betrachtet, dass ein illiberaler US-Präsident nun über den Friedensschluss bestimmt hätte, was durch früheres europäisches Handeln hätte verhindert werden können. Die Position Putins, die vollständige Rückzug der Ukraine fordert, wird als inakzeptable Verhandlungsgrundlage abgelehnt.
Fehlende Druckmittel und Sanktionspolitik
00:54:26Die Diskussion verschiebt sich auf die Frage nach den konkreten Hebeln, die die EU besitzt, um Russland an den Verhandlungstisch zu zwingen. Die Europäische Union koordiniert die Militärhilfe für die Ukraine und verabschiedet das 20. Sanktionspaket. Es wird jedoch angezweifelt, ob diese Maßnahmen ausreichen, insbesondere da Putin nach Einschätzung von Wiegold keine Verhandigungsbereitschaft zeigt und von der westlichen Unterstützung der Ukraine profitiert.
Veränderte Kriegsführung und Abschreckungslogik
00:55:43Es wird die These verfolgt, dass Russland seine Ziele erreicht, in dem es wartet und die USA sich als Vermittler statt als Unterstützer der Ukraine positionieren. Die konventionelle Kriegsführung hat sich durch den Ukraine-Krieg verändert; sie ist eine Kombination aus "Heavy Metal" wie Panzern und Artillerie sowie neuen Technologien wie Drohnen. Dementsprechend müssen Streitkräfte auch für diese neuen Bedrohungen ausgerüstet werden, um eine effektive Abschreckung zu gewährleisten.
Finanzierung der Verteidigung und Daseinsvorsorge
01:04:52Die steigenden Verteidigungsausgaben in Deutschland werden kontrovers diskutiert. Während sie als notwendig für die Daseinsvorsorge und die Abschreckung angesehen werden, wird auch kritisiert, dass Gelder dadurch von zukünftigen Investitionen in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung abgezogen werden. Es wird die These aufgestellt, dass dies ein Gegeneinander sei, es sei denn, es würden neue Einnahmequellen wie eine Vermögensteuer erschlossen.
Hybride Bedrohungen und Identifikationsprobleme
01:14:40Experte Jörg Diehl erklärt, dass hybride Angriffe durch ihren diffusen Charakter schwierig zu identifizieren sind. Sie ereignen sich in einer Grauzone zwischen Vandalismus, Sabotage und staatlich gelenkten Aktionen. Beispiele sind Brände an Trafo-Häuschen oder Sabotage an Schienensignalen. Das Ausmaß ist enorm: 2025 gab es 321 Vorfälle an kritischer Infrastruktur und 2.310 verdächtige Drohnenflüge. Die Ermittlungen gestalten sich jedoch extrem schwierig.
Schutz vor Desinformation und strategische Verwundbarkeit
01:20:48Deutschland ist besonders im Fokus hybrider Angriffe, da es das größte Unterstützerland der Ukraine ist. Die größte Schwäche liegt im digitalen Bereich, da 80% des europäischen Marktes von US-Konzernen kontrolliert werden, die ihre Algorithmen nicht offenlegen. Dies ermöglicht es Desinformationskampagnen, massiv verbreitet zu werden. Es besteht dringender Handlungsbedarf, die Bevölkerung zu schützen, da Algorithmen gezielt polarisierende Inhalte pushen.
Verspätte Krisenreaktion und neue Sicherheitsvorsorge
01:31:43Im Stream wird dieThese aufgestellt, dass die deutsche Gesellschaft oft erst im Angesicht von Krisen handelt, anstatt proaktiv Vorsorge zu treffen. Als Beispiele werden die Schwächen bei der kritischen Infrastruktur, wie Serie oder Energieversorgung, genannt. Es wird eingeräumt, dass man sich in der Vergangenheit zu optimistisch bzgl. Russlands Absichten gezeigt hat und wichtige Warnzeichen ignorierte. Als politische Reaktion wird das so genannte Dachgesetz erwähnt, das zudem einen Resilienzfonds für Betreiber kritischer Infrastruktur vorsieht. Regionale Absprachen zur Sicherung von Infrastruktur wie dem LNG-Terminal und die Notwendigkeit des interbehördlichen Zusammenspiels werden als aktuelle Maßnahmen diskutiert.
Privater Bunkerbau als gesellschaftliches Phänomen
01:33:54Ein Filmbeitrag stellt Christian Claus vor, einen Garten- und Bauunternehmer aus dem Allgäu, der aufgrund der angespannten Weltsituation und der Erfahrungen aus der Ukraine-Hilfe einen atomwaffensicheren Bunker unter seinem Wohnhaus errichtet hat. Die Bautätigkeit sowie die detailreiche Ausstattung des Bunkers werden gezeigt. Der Fall dient als Einstieg für die Diskussion über die steigende Sorge vor Krieg in Deutschland, die sich nach Angaben des Beitrags bei den Jugendlichen seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs mehr als verdoppelt hat und von 81 % der jungen Deutschen geteilt wird. Der Bericht zeigt auch, wie Claus und sein Sohn mit dem Gedanken umgehen, das militärische Training der ukrainischen Kinder als Vorbild zu nutzen.
Diskussion um Sinn und Unsinn privater Vorsorge
01:41:06Die Dokumentar Thorsten Berg wird ins Studio geholt, um über seine Recherchen zum Thema Bunkerbau zu sprechen. Er schildert die Schwierigkeiten, Interviewpartner zu finden, die sich privat vorbereiten, und berichtet, dass der Bunkerbau, vor allem bei Ärzten, Handwerkern und Landwirten, zunimmt. Er erwähne, dass ein solcher Bunker 35.000 bis 50.000 Euro kosten kann. Es entsteht eine Debatte darüber, ob die Verlagerung der Verantwortung für den Schutz auf das Individuum ein Zeichen für das Versagen staatlicher Katastrophenschutzstrukturen ist. Die Gäste sind sich einig, dass zwar individuelle Vorbereitung wichtig ist, der Staat jedoch die Rahmenbedingungen schaffen und die Bevölkerung informieren muss, beispielsweise durch Veröffentlichung von Notfallplänen und Warnsystemen.
Psychische Belastung durch multiple Krisen
01:58:42Als letzter Gast kommt die Psychologin Pia Lamberti ins Studio, um die gesellschaftliche psychische Verfassung zu beleuchten. Sie verweist auf Studien, die eine zunehmende Belastung der Bevölkerung zeigen, angefangen bei chronischem Stress über mehr Angststörungen bei Kindern bis hin zu mehr Krankheitstagen aufgrund psychischer Erkrankungen. Diese persönliche und gesellschaftliche Belastung wird durch die ständige Medienberichterstattung über Kriege und Krisen weiter verstärkt, was zu einem Information Overload führt und die mentale Gesundheit beeinträchtigt. Lamberti plädiert für einen bewussteren, selektiveren und tiefergehenden Medienkonsum.
Handlungsmöglichkeiten gegen Machtlosigkeit
02:07:45Im Dialog mit den Gästen und dem Publikum erörtert Pia Lamberti Strategien, mit dem Gefühl der Machtlosigkeit umzugehen. Der erste Schritt sei es, die eigene Verzweiflung und Angst anzuerkennen. Es sei wichtig, sich nicht überfordern zu lassen und kleine, konkrete Beiträge zu leisten, anstatt ständig die ganze Welt retten zu wollen. Dies könne zur Erschöpfung führen. Sie schlägt das Konzept des „solidarischen Preppens“ vor, bei dem Nachbarschaften und Gemeinschaften gemeinsam Vorräte anlegen und Fähigkeiten teilen. Ein weiterer zentraler Punkt für psychische Widerstandsfähigkeit sei das Finden eines Sinns, der einem durch schwere Zeiten trägt.