Immer mehr Frauenhass & Femizide: Tut die Politik zu wenig? I Politik & wir mit CDU, Expert:innen, Betroffenen und @carinapusch @herrhaerter
Alarmierende Zahlen: Häusliche Gewalt gegen Frauen nimmt zu
Die Zahl der gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt und Morde an Frauen in Deutschland ist gestiegen. Lagebilder des BKA belegen einen Anstieg. Betroffene berichten von patriarchalen Mustern, Täter-Opfer-Dynamiken und dem fehlenden Vertrauen in die Justiz. Experten fordern deshalb ein Umdenken bei der Prävention und ein flächendeckendes Unterstützungsnetz.
Einführung und Themenstellung
00:09:57Der Stream beginnt mit den alarmierenden Zahlen zur Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Jeden zweiten Tag wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet, und alle drei Minuten erlebt ein Mädchen oder Frau häusliche Gewalt. Die Moderation stellt die zentrale Frage, was getan werden muss, um diese Entwicklung zu stoppen. Als Gäste begrüßt sie Claudia Igney vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Lilia Uzik, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses für die CDU, und kündigt weitere Betroffene sowie eine Korrespondentin aus Spanien an.
Aktuelle Zahlen und Ursachenanalyse
00:12:52Moderatorin und Gäste beleuchten die aktuellen BKA-Zahlen aus dem Lagebild 2023. Es gab 360 Femizide, wobei 155 Frauen vom Partner oder Ex-Partner getötet wurden, was im Schnitt fast alle zwei Tage geschieht. Die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt stieg auf 180.715 (+5,6%). Als Ursachen für den Anstief der Meldungen werden zunehmende Anzeigebereitschaft durch Kampagnen wie MeToo, wirtschaftliche Abhängigkeit in Krisenzeiten und der gestiegene Hass im digitalen Raum wie Cyberstalking identifiziert.
Betroffenheit und patriarchale Muster
00:18:11Diana König, deren Tante vom Ehemann ermordet wurde, schildert die schockierende Erfahrung für die Familie. Sie beschreibt den Täter als kontrollierend und eifersüchtig, der Muster der Schuldumkehr und der Besitzdenken zeigte. Ihre Tante versuchte mehrfach, in Sicherheit zu kommen, u.a. im Frauenhaus, kehrte jedoch aufgrund von finanziellen Ängsten und familiärer Bindungen zurück. Sie bezahlte dies letztendlich mit ihrem Leben, als sie endgültig aus der Beziehung aussteigen wollte.
Definition von Femizid und juristische Herausforderungen
00:27:35Die Experten diskutieren die fehlende einheitliche Definition von Femiziden. Im Lagebild werden alle Tötungen von Frauen erfasst, was die Verwirrung erhöht, da nicht zwingend ein frauenfeindliches Motiv vorliegt. Bei Partnerschaftsgewalt ist die Motivation oft patriarchales Besitzdenken, was als niedriger Beweggrund gewertet werden muss. Oft werden Täter jedoch nur wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt, da die niedrigen Beweggründe nicht anerkannt werden.
Das neue Gewalthilfegesetz und seine Auswirkungen
00:35:17Es wird über das neu verabschiedete Gewalthilfegesetz gesprochen. Es verpflichtet ab 2027 die Länder zur Sicherstellung von flächendeckenden Schutz- und Unterstützungssystemen, wie Frauenhäusern. Allerdings ist die Finanzierung und der Ausbau noch ein großes Thema. Vorher waren viele Angebote freiwillige Leistungen, die bei Sparmaßnahmen gestrichen werden konnten. Die CDU stimmte dem Gesetz zu, setzte jedoch durch, dass Transfrauen zunächst nicht explizit inkludiert sind.
Die Lücke bei den Frauenhausplätzen
00:44:02Moderatorin und Gäste werfen einen kritischen Blick auf die unzureichende Versorgung mit Plätzen in Frauenhäusern. In Deutschland gibt es derzeit 400 Häuser mit 7.700 Plätzen, was weit unter den nach der Istanbul-Konvention geforderten 21.000 Plätzen liegt. Viele Frauen müssen daher abgewiesen werden, was als unhaltbar angesehen wird. Zusätzlich werden die ungleichen Regelungen zwischen den Bundesländern kritisiert, teilweise müssen Frauen sogar für ihren Aufenthalt bezahlen.
Rechtliche Defizite und Forderungen nach Änderungen
00:49:44Es wird über die rechtlichen Lücken bei der Gewaltprävention und dem Opferschutz diskutiert. Obwohl polizeiliche Schutzmaßnahmen wie Kontakt- und Näherungsverbote existieren, werden diese oft nicht konsequent angewandt. Im Kindschaftsrecht steht das Umgangsrecht des Vaters oft über dem Schutz der gewaltbetroffenen Mutter. Experten fordern, dass das Gewaltschutz Vorrang haben muss und Täter zu sozialen Trainingskursen verpflichtet werden müssen, bevor das Umgangsrecht wieder gewährt wird.
Abschluss und Ausblick auf internationale Vorbilder
00:52:29Die Experten benennen die unterschiedlichen Regelungen in den Polizeigesetzen der 16 Bundesländer als Problem und verweisen auf Spanien, wo ein einheitliches Gesetz für den gesamten Staat gilt. Als Fazit wird ein gesamtheitliches Konzept aus Prävention, Ausbau der Unterstützungssysteme und konsequenter Justiz verlangt. Der Fokus muss dabei sowohl auf den Schutz der Opfer als auch auf die systematische Analyse und Bearbeitung der Täter gelegt werden.
Zivilcourage und Hilfsangebote
00:52:35Der Stream thematisiert, wie Zivilcourage im Fall von gemuteter Gewalt ausgeübt werden kann. Es wird empfohlen, mit großer Sensibilitik vorzugehen, um keine zusätzliche Belastung für die betroffene Person zu schaffen. Dabei geht es darum, Vertrauen aufzubauen, keine Druck auszuüben und Angebote zur Unterstützung zu machen, wie beispielsweise die Begleitung zu einer Beratungsstelle. Wichtig ist auch, sich selbst über verschiedene Gewaltformen und Hilfsangebote vor Ort zu informieren.
Erfahrungen von Betroffenen und Täter-Opfer-Dynamik
00:54:19Romy Stangel teilt ihre persönlichen Erfahrungen mit häuslicher Gewalt, die bereits in der Kindheit begann und sich in der Beziehung zu ihrem Partner als emotionale Degradierung, Kontrolle und schließlich als körperliche Gewalt manifestierte. Sie beschreibt die psychologischen Mechanismen, die es Betroffenen erschweren, die Beziehung zu verlassen, wie die Schuldzuweisungen und die emotionale Abhängigkeit. Ein zentraler Punkt ist die oft erfolgende Täter-Opfer-Umkehr vor Gericht, bei der die Betroffene in die Schuld gedrängt wird und ihre Glaubwürdigkeit infrage gestellt wird.
Gesellschaftlicher Diskurs und Einbeziehung der Männer
01:08:38Ein Zuschauer äußert die Sorge, dass der Fokus auf dem Schutz von Frauen Männer pauschal in die Ecke stellen und nicht alle erreichen könnte. Dies führe zu einer Verhärtung der Fronten anstatt zu einer gemeinsamen Lösungsfindung. Als Gegenargument wird die statistische Betroffenheit von Frauen hervorgehoben, gleichzeitig aber die Notwendigkeit betont, auch Männer für das Thema zu sensibilisieren und zu einem respektvollen Miteinander aufzurufen, um den Nährboden für Gewalt zu entziehen.
Praxis der Täterarbeit und rechtliche Rahmenbedingungen
01:20:25Mark Thomas erläutert den Aufbau von tatorientierten Programmen, die sowohl für zugeteilte als auch freiwillige Teilnehmer konzipiert sind. Die Programme, die oft über zehn Monate laufen, zielen darauf ab, erlerntes Gewaltverhalten zu verändern, Verantwortung zu übernehmen und alternative Konfliktlösungen zu trainieren. Die Täterarbeit ist bundesweit unterschiedlich ausgebaut und oft unterfinanziert. Zwar wird die elektronische Fußfessel diskutiert, jedoch wird die begleitende Täterarbeit als essenziell für deren Erfolg angesehen und noch nicht flächendeckend umgesetzt.
Hass im Netz und Betroffenheit
01:32:49Der Stream thematisiert den massiven Anstieg von Frauenhass im Internet, laut BKA um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Carina Pusch, die ursprünglich als Gastin zugeschaltet war, sollte über ihre Erfahrungen mit Hasskampagnen im Netz berichten. Nach technischen Verbindungsproblemen konnte sie jedoch nicht zu Wort kommen. Ihr Erscheinen und die geplante Thematisierung sollen die enorme Gefahr und die psychische Belastung durch Online-Hass verdeutlichen.
Erfahrungen von Carina Pusch mit Online-Hass
01:34:21Die Künstlerin Carina Pusch berichtet von ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit massivem Frauenhass im Internet. Nachdem sie sich öffentlich zu einem Belästigungsfall geäußert und Täter benannt hatte, wurde sie zur Zielscheibe. Der Täter veröffentlichte über Wochen hinweg diffamierende Videos mit Hunderttausenden Aufrufen und Beleidigungen. Dieser dreijährige Gerichtsprozess endete mit einem klaren Sieg für Pusch vor Gericht und gilt als einer der ersten detailliert dokumentierten MeToo-Fälle in der YouTube-Szene, was die Machtverhältnisse in der digitalen Welt offenbarte.
Frauenfeindliche Rhetorik als gesellschaftliches Problem
01:39:08Die Diskutanten identifizieren frauenfeindliche Witze und misogynen Sprachgebrauch als Ausgangspunkt der sogenannten Femizid-Pyramide. Diese schädlichen Narrative fangen bereits in der Kindheit an und können zu Belästigung und letztendlich zu tödlicher Gewalt führen. Es wird betont, dass patriarchale Strukturen internalisiert sind und jeder sich in Selbstreflexion üben muss. Männer werden explizit als Teil der Lösung aufgerufen, etwa indem sie gegen frauenfeindliche Bemerkungen in ihrem Umfeld vorgehen, um eine kulturelle Veränderung herbeizuführen.
Die Rolle von Schulen und sozialen Medien
01:40:50Es besteht breiter Konsens, dass die Schule ein zentraler Ort für Prävention sein muss. Plattformen wie TikTok und YouTube werden als neuer „Schulhof“ identifiziert, der ohne adäquate Kontrolle frauenfeindliche Inhalte verbreitet. Daher wird eine konsequente Stärkung der Medienkompetenz in den Lehrplänen gefordert. Einzelne Projekttage reichen nicht; es braucht eine strukturelle Verankerung von Gewaltprävention. Der Umgang von Lehrkräften mit dem Thema wird als oft überfordert oder unkritisch beschrieben, was die Notwendigkeit einer systemischen Veränderung unterstreicht.
Alarmierende Daten zu gesellschaftlichen Frauenbildern
01:52:52Die Aufdeckung von Umfragedaten zeigt alarmierende Einstellungen in der deutschen Gesellschaft. Fast ein Viertel der Befragten findet, Frauen sollten sich wieder stärker auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter besinnen, und ein ähnlicher Anteil glaubt, Frauen übertreiben bei Schilderungen sexueller Gewalt, um Vorteile zu erlangen. Diese statistisch belegte Misogynie spiegelt die Erfahrungen von Betroffenen wie Carina Pusch wider, die einen massiven Hass mit Drohungen und Verleumdungen ertragen musste. Zahlen unterstreichen, wie tief gesellschaftliche Rollenbilder verankert sind und das Vertrauen in Betroffene untergraben.
Spanien als positives Vorbild
01:56:35Der Stream vergleicht die deutsche Situation mit Spanien, wo nach einem besonders brutalen Femizid 1997 ein umfassendes Gesetzespaket verabschiedet wurde. Dieses beinhaltet harte Strafen, spezielle Gerichte, Polizeieinheiten und eine landesweite vernetzte Datenbank zur Risikobewertung. Die sichtbare öffentliche Geste, wie die Schweigeminuten im Parlament für ermordete Frauen, unterstreichen den hohen gesellschaftlichen Stellenwert des Themas. Dies führte zu einem deutlichen Rückgang der Femizidzahlen und zeigt, dass ein ganzheitlicher Ansatz wirken kann.
Forderungen für eine wirksame Prävention
02:06:20Im Abschluss werden klare Forderungen an die Politik formuliert. Es wird die Einrichtung vergleichbarer Strukturen wie in Spanien, etwa geschlechtergerechte Gerichte und flächendeckende Hilfsangebote, gefordert. Ein zentraler Kritikpunkt ist die unzureichende Finanzierung von Präventionsprojekten, deren Streichen durch eine CDU-Bildungssenatorin bereits zu Kontroversen führte. Die Prävention muss bereits im frühen Kindergartenalter beginnen, um schädliche Muster wie Rollenbilder auf Spielzeug zu durchbrechen. Es wird ein umfassendes Bündel an Maßnahmen gefordert, das sich über alle gesellschaftlichen Ebenen erstreckt.