Sex, Drugs and Klassische Musik mit Philippe Mesin bei Der Gangster, der Junkie und die Herrin
Geiger Philippe Mesin im ARD-Interview
ARD dokumentiert das Leben von Philippe Mesin. Der Geiger schildert seine schwierige Kindheit in einem Adoptivhaus und sein Doppelleben als junger Musiker und Krimineller. Themen sind sein Drogenkonsum, der Diamantenschmuggel und sein künstlerisches Comeback.
Vorstellungsrunde und Mission des Streams
00:09:49Der Stream beginnt im Studio 'Der Gangster, der Junkie und die Herrin' mit der Vorstellungsrunde der Moderatoren Maximilian Pollux, Roman Lemke und Nina Workhart. Sie stellen ihre jeweiligen Hintergründe vor: Pollux, ehemaliger Krimineller und jetzt Jugendhilfeträger, Lemke, Experte für Konsumkompetenz mit Substanzerfahrung, und Workhart, seit über zehn Jahren Domina. Ihre gemeinsame Mission, Schubladen aufzureißen und tabuisierte Themen mit Verständnis statt Urteil zu behandeln, wird klar definiert.
Diskussion über erste sexuelle Erfahrungen
00:21:03Ein Zuschreiber teilt die Erfahrung, sich von einem Tantra-Escort-Callboy entjungfern zu lassen. Dies wurde als positiver Erlebnisrahmen aus Respekt, Vertrauen und Wertschätzung beschrieben, der im Gegensatz zu einem reinen Schmerz- und Schamerlebnis steht. Das Thema wird als Beispiel für eine gelungene erste sexuelle Erfahrung gepriesen und die Moderatoren heben den Wert verantwortungsvoller und respektvoller Herangehensweisen an solche Themen hervor.
Vorstellung des Gastgeigers Philippe Mesin
00:23:41Gast des Streams ist Philippe Mesin, alias Fila, ein 47-jähriger Geiger und Künstler, der ein Doppelleben führte. Er beschreibt seine Adoptivkindheit in einem nach außen hin perfekten, aber nach innen zerrütteten Elternhaus. Sein Weg führte ihn früh zur klassischen Musik, wo er als 'Wunderkind' gefördert wurde. Seine Identitätssuche brachte ihn jedoch in Konflikt mit seinem privilegierten Umfeld und lenkte ihn in gefährlichere Bereiche, die ihm Nervenkitzel und Anerkennung verschafften.
Das Doppelleben und die ersten Drogen
00:30:33Mesin erinnert sich an sein frühes Doppelleben: tagsüber Jungstudent der Musik, abends eine Existenz in Kneipen, Puffs und illegale Aktivitäten. Seine ersten Erfahrungen mit Dritten machte er bereits im Kindesalter durch eine Babysitterin, was er heute als Körperverletzung einstuft. Die heimliche und unkontrollierte Einnahme von Alkohol und anderen Substanzen begann früh und diente ihm als Fluchtmechanismus aus dem Spannungsfeld zwischen seiner musikalischen Begabung und seinem inneren Verlangen nach der 'coolen' kriminellen Welt.
Die Entdeckung der Adoption und ihre Folgen
00:39:36Mit 23 erfuhr Philippe Mesin zufällig durch den Druck einer Abstammungsurkunde im Rathaus, dass er adoptiert war. Diese Information traf ihn hart, war aber gleichzeitig ein 'Aha-Moment', der seine chronische Fremdheit und das Gefühl, nicht dazuzugehörigen, erklärte. Er berichtet, dass alle anderen in seinem Umfeld, einschließlich seiner Adoptivschwester, die ihn hasste, von seiner Herkunft wussten, dies aber jahrelang für ihn geheim hielten.
Die Zeit als junger Geiger in Lübeck
00:43:08Mit elf Jahren pendelte Mesin von Heidelberg nach Lübeck für sein Musikstudium und lebte später bei einer russischen Familie. Mit 13 bekam er seine eigene Wohnung, wo er sein Doppelleben perfektionierte. Er aß Fast Food, ging in Kneipen, wurde tätlich und besuchte Rotlicht-Betriebe. Die Schulpflicht umging er durch seinen Status als Musiker, und sein Wehrdienst entfiel durch glückliche Umstände am Ende der Wehrpflicht. Diese Zeit war prägend für seine spätere Kriminalität und seinen Drogenkonsum.
Die Oistrach Dynastie und ihre dunklen Seiten
00:48:34Der Streamer erzählt von der berühmten Geiger-Dynastie um David Oistrach und seinen Sohn Igor. Er war im selben Unterricht wie Igor Oistrachs Tochter Valerie. Valerie Oistrach, die aus extrem reichem Elternhaus stammte, zeigte eine problematische Seite: Sie war oft betrunken, attackierte andere auf Partys mit einem Messer und genoss trotz ihrer Verfehlungen den Schutz und die finanzielle Unterstützung ihrer einflussreichen Familie. Mittlerweile ist sie eine renommierte Professorin in Brüssel.
Exzessiver Drogenkonsum als Fluchtmechanismus
00:51:17Auf die Frage nach seinen Fluchtmechanismen und seinem Drogenkonsum im Alter von 13 bis 15 Jahren, schildert der Streamer seinen massiven Konsum. Er konsumierte in diesem kurzen Zeitraum alles, was ihm zur Verfügung stand: Hasch, Gras, Ecstasy, Tilidin, Kokain und Heroin. Heroin bezeichnete er als seine Referenzdroge. Dabei betonte er, sich nie einsam gefühlt zu haben und konsumierte aus hedonistischen Gründen. Er war 18 Jahre lang konsumierend unterwegs, ohne jedoch körperlich abhängig zu sein.
Bruch mit der klassischen Musik und der Niedergang
00:55:30Mit 15 brach der Streamer abrupt mit der klassischen Musik und warf die Geige weg. Er entschied sich, lieber Drogen zu verkaufen und eine kriminelle Karriere zu verfolgen. Dies geschah, nachdem er aufgrund einer schweren Straftat eine dreijährige Bewährung erhielt. Sein Vater zog sich nach diesem Vorfall komplett aus seinem Leben zurück. Erst mit 17 erkannte er, dass sein Umfeld und seine Lebensweise zu einem Fiasko führten, und nahm das Angebot einer Professorin in Saarbrücken an, um erneut zu studieren. Diesen Neuanfang verdankte er seiner Mutter, die ihn nach familiären Schicksalsschlägen aufnahm.
Druck und Unterdrückung durch ein Wunderkind
01:10:09Der Streamer berichtet von seinem Mentor Maxim Wengerow, einem weltberühmten Geiger und Professor. Obwohl Wengerow ihm zum Erfolg verhalf, war er neidisch auf dessen freigeistigen Schüler. Im Unterricht unterdrückte er den Streamer systematisch, indem er ihn vor anderen beschämte und seine Psyche zerstörte. Er gab ihm den Befehl, denselben Akkord stundenlang zu spielen, bis seine Motorik darunter litt. Dies führte zu einer enormen psychischen Belastung und lähmten ihn trotz des Vertrauens, dass ihn an die Spitze bringen würde.
Einstieg in den Diamantenschmuggel
01:18:38Über seinen Freundeskreis, der mit der serbischen Rockband U-Grupa verbunden war, kam der Streamer in Kontakt mit der Mafia in Belgrad, insbesondere mit der Zemun-Gruppierung. Diese Mitglieder der berüchtigten Pink Panther Diebesbande baten ihn um einen Gefallen: Sie schmuggelten hochgefährliche Drogen und suchten jemanden, der Schmuck, insbesondere Diamanten, nach New York transportieren konnte. Da der Streamer jährlich für Konzerte in die USA flog, bot sich die Gelegenheit. Er akzeptierte, um an Drogen zu gelangen, und ließ sich daraufhin selbst in eine schwere Sucht fallen.
Der riskante Transport der Diamanten
01:22:11Für den Diamantenschmuggel entwickelte der Streamer mehrere Pläne. Er erkannte, dass Diamanten aus Kohlenstoff bestehen, was Flughafenscanner oft nicht erkennen, da sie auf organische oder explosive Stoffe eingestellt sind. Sein Plan war es, die Diamanten in professionellen Transportkisten für klassische Musikinstrumente, die von der Spedition Schenker nach New York gebracht wurden, zu verstecken. Diese Kisten waren Teil der Tour-Ausstattung und wurden nicht kontrolliert. Der Transport verlief ohne Probleme, und die Diamanten wurden erfolgreich überbracht.
Das schmutzige Geschäft hinter der Musikwelt
01:25:05Der Streamer spricht über die ethisch fragwürdigen Aspekte der Musikbranche. Er vergleicht das Diamantengeschäft mit der Musikindustrie und bezeichnet letzteres als das schmutzigste Business. Er kritisiert den eisernen Perfektionsdruck in der klassischen Musik, der die Musik ihrer Seele beraube. Auch in der Pop-Musik sehe er korrupte Strukturen. Er erwähnte zudem den berühmten Dirigenten Valery Gergiev, der seinen Job verlor, weil er eine öffentlichkeitswirksame Freundschaft mit Putin pflegte, und illustriert damit die enge Verknüpfung von Kunst, Macht und Politik.
Die Mäzenin, der Dirigent und der Verdacht
01:26:18Philippe Mesin erzählt die Geschichte der japanischen Kunstmäzenin Koko Shishina, die einen italienischen Industriemagnaten heiratete und eine halbe Milliarde Euro erbte. Sie war fünf lang die Mäzenin von Mesins Professor, bevor der Dirigent Valery Gergjev sie ihm ausspannte. Nach ihrem überraschenden Tod vererbte Shishina ihr gesamtes Vermögen an Gergjev, woraufhin er sie innerhalb eines Tages kremieren ließ und ihre Asche am Baikalsee verstreuen ließ, obwohl sie keine Verbindung zum See hatte. Mesin deutet an, dass es in diesem Zusammenhang auch Verbindungen zum russischen Präsidenten Putin gab und dass Gergjev ein Milliardär ist, der sein Vermögen mit fleischverarbeitenden Fabriken in Russland gemacht hat.
Strafrechtliche Eskalation in New York
01:27:39Nachdem Mesin in Deutschland wegen Trunkenheit am Steuer angeklagt worden war und nicht zur Gerichtsverhandlung erschien, erließ die deutsche Justiz einen Haftbefehl. Als er mit seinem Orchester nach New York reiste, wurde er am Flughafen festgenommen, während seine Kollegen völlig überrascht waren. Er trug Heroin bei sich, was er jedoch vor der Polizei unbemerkt in einer Polizeibank verstecken konnte. Mesins Orchestermanager zahlte die offene Geldstrafe von 3000 Euro, und Mesin wurde freigelassen. Das Problem war nun, dass er für sein bevorstehendes Konzert 24 Stunden später in New York auf sein Heroin verzichten musste und ihm damit eine körperliche und psychische Entzugssymptome bevorstanden.
Das Überleben in der New Yorker Drogenszene
01:34:39In New York musste Philippe Mesin dringend neues Heroin beschaffen. Er wusste, dass er in der Alphabet House in der Lower East Side oder in den Sozialbauten unter der Brooklyn fündig werden könnte. Die Szene dort beschreibt er als extrem hart und gefährlich. Er erläutert, dass man mit der richtigen Attitude, also selbstbewusst und souverän auftreten, Respekt bei den Dealers erlangen und so einen Zugang zum Stoff finden könne. Er schildert, wie er als Geiger in die Szene ging, von dem erinnert an einen Pinguin wurde, und wie er eine erste kleine Menge für 300 Dollar kaufte.
Drogenkonsum im Konzertleben
01:35:36Mesin beschreibt, dass sein Heroinkonsum untrennbar mit seinem Leben als Musiker verbunden war. Sowohl auf Tourneen als auch bei Konzerten in renommierten Sälen wie der Carnegie Hall in New York konsumierte er regelmäßig Kokain, während er teilweise auch seine Freundin und ein Bandkollege von ihm kifften. Er erzählt von einem konkreten Erlebnis, in dem er mit seiner Freundin in der Carnegie Hall oben auf dem Gitter bummste und sich währenddessen Kokain reinzog. Er betont, dass solche Praktiken im klassischen Musikbetrieb damals nicht ungewöhnlich waren, auch wenn sie verschwiegen wurden.
Motivation und Lebensphilosophie
01:40:40Auf die Frage, ob er ein High Sensation Seeker sei, der ständigen Adrenalinsuch verfallen ist, widerspricht Mesin. Er fühle sich genauso glücklich, wenn er nichts Erlebnisreiches tut, da er in seiner Welt ohnehin immer etwas Spannendes für sich wahrnimmt. Sein Antrieb sei vielmehr das Bedürfnis nach Freiheit und Komfort. Er betont, wie ihm das Ausschlafen und das freie Gestalten seiner Zeit wichtig ist, und dass er lieber weniger Geld verdient, aber dafür komplett autonom und unabhängig ist. Für ihn ist dieses Leben anstrengender, aber er würde niemals den Stress eines Solo-Geigers auf sich nehmen wollen.
Die Mathematik hinter Bachs Musik
01:44:57Mesin vertieft sein Verständnis von klassischer Musik, indem er auf die Faszination für die Kompositionen von Johann Sebastian Bach eingeht. Er erklärt, dass Bach in seinen Werken, wie dem Chacona, die als Totentanz gilt, Zahlencodes versteckt hat. Diese Codes basieren auf der Zuordnung von Buchstaben zu Zahlen und verweisen auf biblische Passagen oder Namen von Familienmitgliedern. Mathematiker seien zu dem Schluss gekommen, dass es unmöglich gewesen sei, diese komplexe Zahlenstruktur separat oder nachträglich zu komponieren. Bach habe vielmehr eine Musik- und eine Zahlensprache gleichzeitig erschaffen, was für Mesin ein Beweis für eine göttliche Inspiration ist.
Nüchternwerden und Neubeginn
01:50:51Philipp Mesin erzählt, dass er den Entzug vom Heroin während des ersten Lockdowns im Jahr 2020 geschafft hat. Er betont, dass der Stillstand der Welt der perfekte Moment für diesen Schritt war, da er die nötige Ruhe und das Setting für eine Veränderung bot. Er habe in der Vergangenheit bereits mehrere kalte Entzüge hinter sich, diesmal jedoch eine sanftere Methode angewendet, die mit Unterstützungsmaterialien funktionierte. Sein Motto sei es, alle Geheimnisse preiszugeben, um sich selbst zu befreien und nicht erpressbar zu sein. Außerdem könne man so nicht leichter in alte Muster zurückfallen, da man sich weit ausgestellt hat.
Reflexion über Talent und Lebensentscheidungen
01:55:25Mesin reflektiert über sein immenses musikalisches Talent und die Frage, ob er es verschenkt hat. Er konstatiert, dass er für eine volle Karriere als Weltstar bereit gewesen wäre, andere Träume wie Jetpilot oder Formel-1-Fahrer aufzugeben, doch er wollte nicht den Preis in Form von Stress und Unfreiheit zahlen. Heute sei das Geigen für ihn eine persönliche Katharsis, die er nur noch für sich selbst ausübt, und er fühlt sich dabei glücklich und frei. Der Horizont, so Mesin, habe immer die gleiche Entfernung, was gelte, ob man arm oder reich ist. Man müsse lernen, mit seiner verletzten Seele und Dämonen liebevoll umzugehen, um inneren Frieden zu finden.